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Maria Elend
"Maria Elend" in Tattendorf

In keiner Zeit sind mehr Kultstätten entstanden als im 17. Jh., dem Zeitalter der Gegenreformation. Sehr viele Wallfahrten wurden durchgeführt, sodaß sogar der Sonntagsberg fürchtete, es könnte dadurch seine Pilgerfrequenz leiden.

 

Am 8. September 1672 - Maria Geburt - entdeckte ein lediger Geselle, Hans Knörze, an einem Eichbaum ein papierenes Marienbild mit der Inschrift: "Sucurre nobis virgo Maria in tribulationibus nostris" (Stehe uns bei, Jungfrau Maria in unseren Nöten). Dieses Bild befindet sich noch heute im Wiener Diözesanarchiv, etwa 25 cm groß. Inzwischen hat man auch erfahren, wer dieses Bild angebracht hatte: ein Bettler hatte dieses Bild an eine Eiche geheftet, bei der noch viele Vaterunser gebetet werden würden. Heilungen wurden bekannt, die sich auf dieses Bild bezogen: Oberwaltersdorf, Trumau, Leesdorf, Achau, Forchtenau, Brodersdorf (1672 und 1673). Viele "Elende" kamen.

 

Dieser Zuspruch und seine Erfolge machten auch den Propst von Klosterneuburg auf diese Wunderstätte aufmerksam und er ließ, um sie vor Wind und Wetter zu schützen, - ohne Wissen des Bischofs - mit einer hölzernen Kapelle umgeben, die etwa 50 Personen faßte. Am 22. Dezember 1672 kam der Dechant von Traiskirchen mit dem Befehl, das Bild in die Kirche von Tattendorf zu überbringen, wo es besser verehrt werden könnte, denn gewöhnlich wurde dadurch der Gottesdienst vernachläßigt. Das Gnadenbild wurde also im Tabernakel eingesperrt, aber später auch von dort weggenommen. Der Dechant verlangte auch den Abbruch der Kapelle, doch scheint der Propst von Klosterneuburg schützend seine Hand darüber gehalten zu haben.

 

Inzwischen war dem bedrängten Heiligtum ein neuer Anwalt erstanden: ein Unbekannter, der sich in einem Brief am 5. Fastensonntag 1673 an die höchste Instanz, an Kaiser Leopold I. wandte. Es war eine düstere Anklage gegen die Schändung des Heiligtums, in der sich aber auch die Nöte dieser unheilvollen Zeit - zwischen dem 30jährigen Krieg und der erneuten türkischen Bedrängnis - wiederspiegeln, Kriegsnot, Bauernbedrängnis, Kummer über den Verfall des Glaubens und der Moral. Man fühlt in diesem Schreiben förmlich, wie ein entrechteter Mensch sich für etwas, das entrechtet werden soll, einsetzt, sich mit dieser Sache eins fühlt.

 

Der Kaiser wandte sich an das Passauer Offizialat und das verfügte, das Heiligtum sei zu vernichten. Aber die Tattendorfer erklärten, sie würden lieber Haus und Hof verlassen als das zu tun. Deshalb sollte sich der Rumormeister mit seinen Leuten nach Tattendorf begeben und die Eiche fällen. Das angebliche Gnadenbild sei nach Wien zu bringen. Am 17. Mai 1673 kam der Befehl aus Wien, die Kapelle sei abzureißen, der Baum umzuhacken. Es scheint aber keine Hand für diese Anordnung gerührt worden zu sein, denn am 9. Juni 1673 erging abermals ein Befehl, diesmal an den Jäger, den Baum zu fällen.

 

Am 6. September 1673 wurde die Eiche gefällt und weggeschafft. Aber die Pilgerfrequenz ließ nicht nach, die Menschen opferten auf dem verbliebenen Baumstumpf. Deshalb sollte der Pfarrer von Tattendorf den Bewohnern seines Sprengels auftragen, daß sie in die Kirche und nicht zur Eiche gehen sollten. Aber die Leute ließen nicht ab, immer mehr Pilger kamen, sogar aus der Gegend von Waidhofen an der Ybbs.

 

Der Dechant von Baden, namens Burgler, - ein erbitteter Gegner dieser Wallfahrten - zeigte es beim Konsistorium an. Am 28. Mai 1688 wurde deshalb dem Prälaten von Klosterneuburg, der bisher wohlwollend war, befohlen, den Eichstock ausgraben und vertilgen zu lassen. Er konnte keinen Widerstand mehr leisten, der Eichstock verschwand für immer und ohne Spur und die Bauern aus der Gegend von Waidhofen mußten wieder zur alten Dreifaltigkeitsstätte, dem Sonntagsberg, zurückkehren.

 

Verfasser: Wiener Diözesanarchiv unter Tattendorf, Fasz.Nr. 449/8