Fotos 1999
bis 1960
nach 1960
Entwicklung des Weinlesefestes bis 1960


 

Das Weinlesefest gliederte sich ursprünglich in folgene Teilabschnitte:

 

Dankgottesdienst

Festlicher Umzug

Tanz

 

 

Dankgottesdienst:

 

Am Vormittag des Festtages fand ein Dankgottesdienst statt, in dem alle Weinhauer und die Bewohner des Dorfes Gott für die reiche Ernte dankten, für die gute Qualität und Quantität der geernteten Weintrauben.


 

 

Festlicher Umzug:

 

Am Sonntagnachmittag nach dem Mittagessen trafen die Schaulustigen meist bei strahlendem Sonnenschein im Ort ein. Zum Weinlesefest kamen in erster Linie die Dorfbewohner und Leute aus der näheren Umgebung. Nach Ende des 2. Weltkrieges besuchten auch russische Besatzungssoldaten das Fest.

 

Vor Beginn des Festzuges wurden die Hauermädchen von ihrem Elternhaus abgeholt. Die Burschen fuhren mit einem geschmückten, von Pferden gezogenen Wagen von Haus zu Haus und empfingen ihre Mädchen mit Musik und einem kurzen Spruch. Schon Tage zuvor mußten die einzelnen Burschen die Eltern des Mädchens um Erlaubnis fragen, ob sie sie zum Weinlesefest abholen dürften. In einer Versammlung der Burschen wurden diese eingeteilt, wer welches Mädchen abzuholen hatte.

 

Als Startpunkt galt je nach Vereinbarung der Hauptplatz, ein geräumiges Preßhaus, eine Tenne, der Platz vor dem Wirtshaus oder der Dumba-Park. Alle Mitwirkenden und Zuschauer versammelten sich hier. Die Reihenfolge der Wägen war genau geplant und einige Burschen sorgten für einen geordneten Ablauf und formierten den Zug.

 

Aufbau des Festzuges:

 

Vorreiter

Musikkapelle

Hauer und Hauerinnen - Fußgruppen

Wagengruppe

Weintraube, Weinbeergoaß

Hüter und Hüterinnen

Gemeinderat

Winzerkönigin

Maschinengruppe

Bacchus

Heurigenwagen

 

Den Zug führten ein oder mehrere (2-3) Vorreiter, auch Herolde genannt, an. Gekleidet mit der Tracht der Weinhauer ritten sie auf mit bunten Bändern geschmückten Pferden, die Bastzöpfchen in den Mähnen trugen. Außerdem trugen die Vorreiter eine Schärpe und die Fahne der Burschenschaft "Eintracht" Tattendorf  mit.

 

Für die musikalische Begleitung sorgte eine Blaskapelle aus der Umgebung z.B. Trumau, die eifrig Marschklänge spielte und von der Burschenschaft engagiert wurde. Die Spieler trugen eine blaue Uniform und Tellerkappen.

Nach der Musik folgten die Fußgruppen. Sie bestanden aus den Hauer und Hauerinnen. Dazu zählten die meisten Burschen und Mädchen des Dorfes. Sie gingen paarweise mit dem Festzug und waren mit der typischen Hauer- und Hauerinnentracht gekleidet.

 

Tracht der Hauerin: Den roten Baumwollkittel zierten zwei schwarze Samtbänder, die einige Zentimeter über der Rocklänge im Abstand von ungefähr 1-2 Zentimeter angenäht waren. Der schwarze Samtleib, oder ein eigenes Wamst, zeigte vorne eine Verschnürung mit einem hellen oder weißen Band und Silberknöpfe. Vervollständigt wurde die Hauerinnentracht durch eine weiße Bluse mit Puffärmeln und eine einfache weiße Baumwollschürze.

 

Tracht des Hauers: Die Hauer trugen vor dem 1. Weltkrieg eine knielange Lederhose, eine lange Unterhose und einen blauen Arbeitsschurz. Bis zum 2. Weltkrieg arbeitete in jedem Bauernhaus mindestens ein Knecht. Diese Knechte hatten einen blauen Schurz umgebunden zum Unterschied zu den Bauern, den Herren, die einen weißen Festtagsschurz trugen.

Die abgeänderte Tracht bestand aus grünen Stutzen, kurzer schwarzer Hose mit breiten Hosenträgern grün bestickt, weißes Hemd, grünem oder rotem Mascherl und einem schwarzen Hut mit breiter Krempe und grüner Schnur.

Nach dem 2. Weltkrieg setzten sich die kurzen Lederhosen und weiße Stutzen mehr und mehr durch. Immer aber waren die Mädchen und die Burschen jeweils einheitlich gekleidet.

 



Die Wagengruppe stellte die typischen Arbeiten im Weingarten chronologisch dar, sowie das Weinhauerleben. Vor und nach dem 1. Weltkrieg mußten die Arbeiten händisch verrichtet werden. Die Tätigkeit der Weinhauer (das Wort Winzer war in Tattendorf nie gebräuchlich und bürgerte sich erst in den letzten Jahren ein) wurden auf den Wägen, Leiterwägen, von Pferden gezogenen verschiedenen Fuhrwerken, dargestellt. In mühseliger Kleinarbeit hatten die Mädchen und Burschen ein bis zwei Tage vor dem Fest die Wägen gewaschen, gereinigt und festlich geschmückt. Dazu verwendeten sie Laub aus dem Weingarten und Weinranken, bunte Bänder, Weintrauben und verschiedene andere Früchte wie Maiskolben, Äpfel u.a. 

 

Der erste Wagen zeigte die Veredlung der Weinrebe von Hand aus, eine wichtige Arbeit, die sorgfältig und genau verrichtet werden muß und heute mit Hilfe von Spezialmaschinen erfolgt. Nach dem Schneiden des Weinstockes folgen die Bearbeitung des Bodens und die Vertilgung des Unkrautes. Diese Arbeit oblag den Hauer und Hauerinnen. Das Wort Hauer entwickelte sich aus der Tätigkeit "hauen". Sie gingen meist zu Fuß, wobei die Burschen eine Haue trugen und die Mädchen in der Hand einen Wasserkrug oder Jausenkorb, auf dem Kopf ein Tuch.

 

Die Bespritzung der Reben mit Schwefel war bereits zu dieser Zeit unumgänglich und erfolgte mit einem Pinsel, später mit mechanischen Spritzen. Die Sulfurspritzung dient zur Bekämpfung des echten Mehltaus (Oidium), einer gefährlichen Pilzkrankheit. Die Jäterinnen zeigten auf dem nächsten Wagen das Ausjäten. Darunter versteht man das Entfernen der Blattriebe aus den Blattachseln. Diese Arbeit wurde meist von Frauen durchgeführt.

 

Die Binder und Binderinnen besaßen einen Strohhut und einen blauen Schurz, wo sich das feuchte Stroh zum Aufbinden der Weinranken befand. Das Dreschen des Strohes mit dem Dreschflegel erfolgte im eigenen Haus. Das Aufbinden mit kleinen Strohbündeln war eine spezielle Kunst und erforderte Geschick und Übung. Die Lesearbeit, das Abschneiden der reifen Trauben vom Weinstock durch lustige Leserinnen , das Einfüllen der vollen Kübel in die Holzbutten und schließlich in große Holzbottiche zeigte der nächste Wagen.

 

Einen Höhepunkt des Zuges bildete die große Traube, die von den feschesten Burschen und Mädchen des Dorfes (2-3 Paare) getragen wurde. Das Binden der Traube ist eine Volkskunst. Ein fest ausgestopfter Strohsack dient als Körper und daran werden kunstvoll die schweren Weintrauben gehängt. Nur besonders schöne gesunde und großbeerige Trauben werden ausgewählt, wobei die blauen Trauben wegen ihrer besseren Wirkung bevorzugt werden. Zu Festende erfolgte die Versteigerung dieser begehrten Frucht, oder sie wurde beim Tanz verlost. Sie wog bis zu 50 kg.

Die Hüter und Hüterinnen trugen diese große Traube. Die Tracht der Hüterin unterschied sich von der der Hauerin nur durch die rote Farbe des Kittels, die Hüter trugen einen weißen Schurz. Die eigentlichen Hüter hatten die Aufgabe in den Weingärten Diebstähle zu verhindern. Heute verrichtet nur ein Mann die Tätigkeit eines Hüters. Er fährt mit seinem Moped durch die Weingärten und verjagt mit Hilfe einer Schreckpistole die Stars, die durch ihre Gefräßigkeit und durch das Auftreten in riesigen Schwärmen Ertragseinbußen verursachen können. Dieses Amt war besonders in den Zeiten der Arbeitslosigkeit sehr gefragt.

 

Die Weinbeergoaß ist nicht nur Symbol der Fruchtbarkeit und Schutzmittel gegen Wetterunbilden, sondern war auch die theoriomorphe Gestalt des griechischen Weingottes und kann daher mit dem Dionysoskult in Zusammenhang gebracht werden. Auf einem ziegenähnlichen Holzgestell mit einem mächtigen Gehörn wurden kleine Nägel eingeschlagen und daran die Trauben aufgebunden. Nicht so arbeitsaufwendig war das Schmücken des eigens für diesen Zweck hergestellten Holzgestells mit Weinranken. Für den Körper verwendete man die dunkelblauen Trauben, als Augen dienten weiße Trauben. Trotzdem der Sinn der Gestalt vergessen wurde, blieb die Weinbeergoaß bis heute erhalten.

 

Die Verarbeitung der Trauben zu Wein beginnt mit dem Rebeln. Die Darstellung dieser Arbeit erfolgte mit Handrebeln - die Weinbeeren wurden vom Strunk befreit. Nach dem Pressen der Weinbeeren, auch "mosteln" genannt, mit den riesigen Weinpressen aus Holz folgten im Festzug die Essensträgerinnen mit dem Essen in Tücher gepackt und einem "Bluzer" (ausgehölter Kürbis) voll Wein oder Wasser.

 

Den Mittelpunkt des Zuges stellte der Wagen mit der Gemeinderatssitzung dar. Vor dem 2. Weltkrieg hielt nur der Bürgermeister eine Festrede (von einem Burschen des Dorfes dargestellt), die dann von der Gemeinderatssitzung abgelöst wurde. Der Gemeinderat setzte sich zusammen aus:

 



Bürgermeister: Bart, Pfeife, Trachtenanzug,

Bürgermeisterin: Hauertracht, Kranz aus Weinblättern im Haar mit einem schwarzem Band.

Gemeindesekretär: wurde als die Personifizierung des Beamtentums verulkt, groß, hager , Frack, Zylinder, Brille.

Wächter: trägt die Uniform des Gemeindedieners, einen Säbel, geht zu Fuß mit dem Zug und sorgt für Ordnung. Nach dem 2. Weltkrieg fährt er mit dem Gemeinderat mit.

 

Bürgermeister, Bürgermeisterin und Sekretär sitzen in einer Bottich und werden von einem Wagen geführt.

 

Um die Jahre 1950 fuhr oft keine Bürgermeisterin mehr mit; zu den anderen drei Personen gesellten sich noch zwei Gemeinderäte. Die Gemeinderatssitzung wurde mit verteilten Rollen vorgetragen, die jeder Teilnehmer auswendig lernen mußte. Natürlich konnte nicht jeder Bursche bei der Gemeinderatssitzung mitspielen, denn er mußte besondere Eigenschaften besitzen. Nur gute Redner, fesche und mutige Burschen, die auch schauspielerisches Talent besassen und trinkfest waren, durften mittun.




Gmoarotssitzung aus dem Jahr 1955
v.l. Franz Eichinger-Hans Pickart-Alfred Reinisch-
Josef Lechner-Franz Jaiczay-Arthur Jaiczay

Das ganze Jahr über sammelten die Burschen die Texte für die Gemeinderatssitzung. Passierte ein lustiges Ereignis, so hieß es: "Des kummt ins Weinlesefest", und wurde sofort notiert. Einige talentierte Burschen und ein Mann aus dem Dorf schrieben die Geschichten in Versform nieder. Der tiefere Sinn der Gemeinderatssitzung bestand in der Unterhaltung der Schaulustigen, in der man über Schildbürgerstreiche und Ereignisse, die sich im Laufe des Jahres ereigneten, berichtete. Natürlich dichteten die Burschen neues dazu und bauten die Geschichten entsprechend aus. Manche gröbere Beschuldigung aber führte beim späteren Tanz oft zu Raufereien. Zusätzlich bestand auch eine günstige Gelegenheit sich am Bürgermeister und den Gemeinderäten zu "rächen" und ihre Fehler aufzuzeigen.

 

Der Bürgermeister sprach seine Rede einige Male im Dorf, wobei der Festzug angehalten wurde (z.B. im Dumba-Park zu Ehren der Exzellenz). Die Gemeinderatssitzung hielten die Burschen allein wegen der Länge der Reden nur einmal. Sie zählte und zählt zu den anziehendsten und beliebtesten Abschnitten des Festes. Die Leute begleiteten den Festzug, viele warteten an den Straßenrändern und versammelten sich dann zur Gemeinderatssitzung.

Seit der Mechanisierung führte man auch Maschinen und Geräte wie Rigolpflug, Bohrer, Spritzen, Kultivator, Pressen, mechanische Rebelmaschinen mit und die Pferde wurden bald durch Traktoren ersetzt.

Nach der Maschinengruppe schloß sich ein Wagen mit einem großen geschnitzten Faß an, auf dem Bacchus, der Gott des Weines saß. Diese Gestalt wurde erst nach dem 2. Weltkrieg bekannt. Bacchus ist der lateinische Name des griechischen Fruchtbarkeits- und Weingottes (Dionysos). Der Schutzherr des Weinbaues wird dargestellt als ein mit einem Fell leicht geschürzter, bärtiger, trunken tollender oder behäbig genießender Mann. Auf dem Haupt trägt er Weinranken und ein Trinkgefäß, meist ein Weinglas, in der Hand.

Der Heurigenwagen bot die Gelegenheit den "Heurigen", den frisch gepreßten Wein zu verkosten. Die Burschen sammelten schon Tage vor dem Fest Weintrauben und Most von den Weinhauern um diese Produkte beim Weinlesefest zu verkaufen. Der Heurigenwagen stellte den gemütlichen Teil, die gemütlichen Tattendorfer, den Lohn und Ertrag der schweren Arbeit dar.


 

Tanz:

 

Am Abend desselben Tages veranstalteten die Burschen einen Tanz im Gasthaus, wozu eine kleine Musikgruppe aufspielte. Um Geld zu sparen, spielten einige Burschen selbst (Quintett: Klarinette und Zither - Fuchs, Trommel - Reinisch, Geige und Baß - Zöchling, Benakowits, Dopler).

 

Die Burschen errichteten einen Tanzboden und spannten über diesen Tanzboden etwas höher als die Greifhöhe Drähte, die mit süßen Trauben und anderen begehrten Früchten behängt waren. Der Bürgermeister und die Bürgermeisterin eröffneten mit einem Ehrentanz den allgemeinen Tanz. Natürlich versuchten die Tänzer immer wieder durch Hinaufspringen eine der Früchte zu erhaschen. Hüter und Hüterinnen, ausgerüstet mit einem Stecken, walteten ihres Amtes und fingen die Täter. Sie wurden zur Urteilshütte, die in einer Ecke des Saales stand, gebracht. Der Bürgermeister oder der Sekretär verurteilte den Dieb zu einer Geldstrafe, die je nach Täter verschieden hoch ausfiel. Das Geld floß in die Kasse der Burschen und wurde meist in Alkohol umgesetzt. In einer Pause fand die Versteigerung der großen Traube statt, die manchmal beachtliche Preise erzielte. Nicht selten kam es auch zu Raufereien, nachdem einige Burschen über den Durst getrunken hatten.